Montag, 5. August 2019

Die Tote vom Titlis, Monika Mansour, Emons Verlag



Die Tote vom Titlis, Monika Mansour, Emons Verlag

Dies ist der 5. Fall des türkisch/schweizerischen Mordermittlers Cem Cengiz vom Luzerner Morddezernat (oder  Abteilung Leib und Leben, wie es korrekt heißt). Nach Lilas spektakulärer Flucht sind Cem und Staatsanwältin Eva sich nicht nur näher gekommen, sondern haben auch kurzentschlossen geheiratet. Ihr Flitterweekend (mehr Zeit bleibt nicht) verbringen sie in einem Luxushotel in Evas Heimatkanton. Zur Krönung des Wochenendes soll Cem sie mit der Kabinenbahn auf den Titlis begleiten. Der Türke in ihm, fühlt sich nicht vom Berg gerufen, sondern beäugt misstrauisch das aufziehende April-Unwetter über den Gipfeln. Dort oben ist Ausnahmezustand. Eine Schicki-Micki-Hochzeit ist ausgerechnet in der Eisgrotte geplant und ihr Benehmen ist schon vor dem Großevent so selbstverliebt, daß Cem und Eva über ihre eigene bescheidene Feier und echten Freunde beglückt sind. Bis sie einen Schuss aus der Eisgrotte hören. Sofort schalten sie von Romantik auf Berufsmodus um, sammeln die Handys aller Gäste ein, evakuieren den Tatort zur Spurensicherung, nehmen die Personalien auf und bringen Umstehende vom Berg. Doch das Unwetter kommt schneller als die Unterstützung aus dem Tal. So bleiben die frischvermählten Ermittler mit zwanzig Gästen und dem Personal auf dem Titlis zurück. Ein Albtraum wird wahr, denn es ist nicht alles Gold was glänzt und ein Mord, bleibt selten allein.

Ein Szenario das stark an Agatha Christie erinnert, mit einer ihr ebenbürtigen Auflösung, aber mehr Gewalt und Spannung. Dies ist kein Cosy-Crime trotz Hochzeitsgesellschaft. Der Berg ruft, aber nicht zum Tanz. Bereits von Anfang an spürt man die Spannung in der Luft, schon als Cem ganz zu Beginn mit einem Rüpel vor dem Hotelzimmer zusammen stößt. Bereits auf S. 30 fällt der erste Schuss und in dem rasanten Tempo geht es weiter. Statt eines kuscheligen Honeymoon-Weekends erwartet Cem und Eva ein klaustrophobisches Wochenende, bei dem die Nerven aufs äußerste gespannt werden. Das gilt auch für den Leser. Hinter meinem Sitz fuhr ein Krankenwagen (ohne Blaulicht) her und ich habe es nicht gemerkt, obwohl ich ihn erwartet habe. So versunken war ich in das Drama auf dem Titlis.

Das Einzige was mich etwas störte: Die Cousins der Braut sind eineiige Zwillinge. Forensisch betrachtet ein Albtraum, da sie identische genetische Fingerabdrücke haben, jedoch sind ihre echten Fingerabdrücke nicht identisch. Auch haben sie unterschiedliche Charaktere, die sich im Gesichtsausdruck widerspiegeln. Auf den ersten Blick ist es stets schwierig, sie zu unterscheiden, aber wer eineiige Zwillinge besser kennt, dem wird es immer gelingen, sie auseinander zu halten, das ist bei uns nicht nur Familie und Freunden geglückt, sondern auch Lehrern. An diesem Punkt schwächelt die Geschichte leider. Diese Zwillinge kleiden sich identisch und führen seit 20 Jahren ihre Mitmenschen an der Nase herum. Dafür gefällt es mir sehr gut, wie Monika Mansour es gelingt, dem Leser das in den Köpfen der Gesellschaft verankerten Misstrauen gegen Ausländer vorzuführen. Der Koch der Bergstation ist Syrer und jeder, bis auf seine Kollegen, die ihn besser kennen, ist versucht daran zu glauben, daß dieser in dieses Netz aus Intrigen, Verbrechen und Boshaftigkeit verstrickt ist. Bei dieser Hochzeitsgesellschaft ist nicht alles so wie es scheint. Die Charaktere sind mehrschichtig und bisweilen scheinen sie unergründlich zu sein. Wem können Cem und Eva vertrauen? Wen können sie um Kooperation bitten? Unschuldig kann eigentlich nur sein, wer neben ihnen stand, als sie den Schuss hörten. Auch bei nachfolgenden Taten scheint es unter derartigen Aspekten Ausschlusskriterien zu geben. Im Übrigen muss sich Cem auf sein Bauchgefühl verlassen, denn als Täter kommt eigentlich nur ein Mitglied der Hochzeitsgesellschaft in Frage, womit die Mitarbeiter entlasten wären und zur Kooperation geeignet. Denn wie sollen Cem und Eva es alleine schaffen, die immer unruhiger werdende Meute in Schach zu halten? Als noch eine 2. Leiche gefunden wird, wird die Lage noch verworrener und es ist klar, daß sie alle in Gefahr sind.
Die Auflösung entspricht wieder der meisterlichen Agatha Christie, allerdings mit mehr Action und Spannung. Der Täter hatte in seinem Plan alle möglichen Pannen und Probleme mit einbezogen, nur nicht die Möglichkeit, daß ein Kommissar einer Mordkommission und eine Staatsanwältin sofort vor Ort sein würden, um das Ruder an sich zu reißen. Neben der emotionalen Ausnahmesituation, die man mit Cem und Eva durchlebt, macht die Ungewissheit Cems Kollegen wahnsinnig. Sie wollen eingreifen und unterstützen, aber das Wetter und der Berg haben andere Pläne. Fast zu Untätigkeit verdammt, setzt dies innerhalb des Teams bemerkenswerte Kräfte und Entwicklungen frei.

Monika Mansour ist Schweizerin und das merkt man nicht nur bisweilen an den verwendeten Ausdrücken, die z.T. hinten im Glossar erklärt werden, es werden auch bisweilen Verben reflexiv benutzt, die im Hochdeutschen nicht reflexiv sind. Auch einige juristische (wahrscheinlich) Begriffe ließen mich rätseln, ich konnte nur schlussfolgern, daß der geladene Schauspieler ein Insolvenzverfahren am laufen hat oder eine Vermögensauskunft abgelegt hat. Es spielt keine große Rolle für die Auflösung des Falles, unterstreicht aber noch einmal das Lokalkolorit der Schweiz.

Man kann diesen 5. Fall ohne weitere Vorkenntnisse lesen, aber ich würde es dennoch nicht empfehlen. Zum einen lohnen sich die vorherigen 4 Fälle auf jeden Fall und die persönlichen Feinheiten machen in der richtigen Reihenfolge einfach mehr Spaß. Am Ende dieses Buches werden Cem und Eva von ihrer Vergangenheit eingeholt und somit kündigt sich anscheinend schon der nächste Fall an. Der offensichtlich politisch brisant, sehr persönlich und lebensgefährlich werden wird.

Fazit: unbedingt lesen, wieder absolut fesselnd und spannend und für diejenigen, die gerne Klatsch- und Tratschgeschichten in Illustrierten lesen, ein extra-Schmankerl wie sich diese selbst ernannte bessere Gesellschaft nahezu selbst zerfleischt.

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Emons-Verlag für diesen nervenzehrenden Krimi und freue mich schon auf die Fortsetzung.

Mittwoch, 31. Juli 2019

Meine Ökokrise und ich, Illona Einwohlt, Arena Verlag



Meine Ökokrise und ich, Illona Einwohlt, Arena Verlag

Sina ist inzwischen 16 Jahre alt und von ihrem Sandkastenfreund und Nachbarn Yannis getrennt. Nun schwebt sie im 7. Himmel mit Carlos, dem Mitbewohner ihrer besten Freundin Kleo. Dieses Glück wird unterbrochen, als sie mit ihren Eltern in den Nordseeurlaub muss! Doch als sie bei einer einsamen Wanderung eine Kegelrobbe in Not entdeckt und rettet, lernt sie den Umweltschützer Ben kennen, der ihr bisheriges Weltbild ganz schön erschüttert. Fortan kreisen ihre Gedanken um den Umweltschutz, der schon im Kleinen beginnen kann. Als sie mit Kleo aber zufällig eine verletzte Katze aus ihrem Hauswald zur Tierärztin bringt, erfährt sie, daß diese eine geschützte Wildkatze und der Wald von einer Umgehungsstraße akut bedroht ist. Davon hatte sie keine Ahnung und erzählt es empört ihrer Familie und ihren Nachbarn. Diese werden auch sofort aktiv, nur Carlos, der eigentlich Umwelttechnik studieren will, ist mit seinen Gedanken ganz woanders. Sina, Kleo und Yannis treten einem Aktionsbündnis bei und stellen fest, daß Mut und Ideenreichtum gefragt sind, wenn man etwas ändern will. Allerdings stürzt die ihr immer bewusster werdende Umweltbedrohung Sina in eine echte Sinnkrise.

Sina ist ein nettes, intelligentes Mädchen, sehr hübsch, aber mit großen Füßen, großem Herz und großem Freundeskreis und einer intakten Familie (auch ganz erfrischend in einem Buch mal wieder von einer intakten Familie zu lesen). Sina und ihre Freundinnen und Familie kann man in einer ganzen Buchreihe durch die Pubertät mit ihren Hormonwirren begleiten und ihre Höhen und Tiefen mit allen Teeniefragen und -dramen verfolgen. Dies ist der letzte Band, empfohlen ab 12 Jahren, aber auch für Einsteiger verständlich. Dieses Thema hätte meine 12 jährige Tochter auch wirklich interessiert, vor allem da es super aufbereitet ist, mit Infokästen zu den einzelnen Themen, auf die Sina immer wieder stößt, während sie mit offenen Augen durchs Leben geht, allerdings ist Sina beziehungs- und jungstechnisch auf einer Stufe, die für meine Tochter zu erwachsen ist. Oder eben „iiiih, Knutschi, Knutschi“. Sina, hält nicht nur Händchen, sie knutscht auch nicht nur, sie will bei Carlos übernachten, was ihre Eltern nicht wollen, obwohl der Rest ja eh schon läuft... Die Altersempfehlung hängt also ein wenig vom hormonellen Reifegrad und dem Interesse an Beziehungen ab. Wobei mir gut gefällt, daß Sina schon weiß, warum ihre Eltern dagegen sind, nämlich weil sie Carlos nicht kennen, ein Umstand über den Sina dann beginnt nachzudenken... Neben den Umweltaspekten, sind auch Beziehungswarnsignale eingearbeitet und sehr einfühlsam aufgearbeitet, so daß ich dieses Buch älteren Leserinnen so um die 14 Jahre sehr gut empfehlen kann.

Dieser Band erschien 2014, d.h. die Zahlen sind nicht nicht mehr alle ganz aktuell, heute ist es meistens noch viel drastischer, so sind nicht mehr nur 50 % des deutschen Waldes geschädigt, sondern sogar 90 % auf Grund der trockenen Sommer und der immer stärkeren Unwetter, nicht mehr gesund. Dennoch sind auch die Aspekte gedanklich aktuell, was der Einzelne tun kann, auch wenn ich 2019 eher zur LED-Lampe als zur Energiesparlampe greifen würde. Solche technischen Gedankenanpassungen schaffen Leser aber durchaus selbst. Sehr schön, fand ich auch die Autodiskussion von Sinas Eltern, über die Anschaffung eines neuen Dienstwagens, der noch vor dem Dieselskandal stattfand, aber durchaus Feinstaub und Co. berücksichtigt. In diesem Punkt finde ich es eher erschreckend, wie wenig sich in den letzten 5 Jahren getan hat, trotz der Konsumhaltung immer neues und immer mehr haben zu wollen. Wirklich saubere Autos gibt es immer noch nicht, denn der Strom kommt ja nicht aus der Steckdose! Auch die Stromgewinnung und die Vor- und Nachteile der einzelnen Methoden ist Stoff für einen Infokasten. Wer sich also für das Thema Umwelt interessiert, findet viele Infos und Anregungen, die auch den eigenen Alltag beeinflussen können. Wer sich mehr für Sina und ihr Liebesleben und ihre Freundinnen und sonstige Teeniesorgen interessiert, kann sie auch überlesen, was ich aber nicht empfehle. Die Infokästen stören die Lesbarkeit überhaupt nicht und die Geschichte bleibt weiterhin packend!

Als die Tierärztin die Wildkatze als solche entlarvt und auf die Chance des Nabu hinweist, dachte ich sofort: Oh ja, jetzt wird vor dem Verwaltungsgericht geklagt, das kann und darf der Nabu nämlich! Es werden zwar die juristischen Konsequenzen bei Demos und das Versammlungsrecht (so gut habe ich es in keinem meiner Bücher im Grundstudium erklärt gefunden) erörtert, aber die Klagemöglichkeiten von Umweltverbänden fehlt leider gänzlich. Gerade bei einer bedrohten Tierart wäre dies im Eilverfahren sehr vielversprechend für einen vorläufigen Baustopp. So ist die Rodung des Hambacher Forstes juristisch gestoppt worden und das Atomkraftwerk Mühlheim-Kärlich ging nach nur 100 Tagen vom Netz, weil von der Genehmigung abgewichen wurde, und der Bau wegen einer tektonischen Platte um 1 m von der Genehmigung abweichend errichtet wurde. Manchmal, kann man große Umweltdinge, auch rechtlich lösen und erreichen. In der Liste der Öko-Berufe, über die Sina nach dem Abi nachdenken könnte, fehlt also eindeutig der Umweltrechtler (dafür braucht man einen langen Atem, es ist ein sehr trockenes und sehr langwieriges Rechtsgebiet, das dafür manchmal wahre Wunder wirken kann). Engagement lohnt sich, wie Sina und Yannis beweisen, ich habe nur etwas Bauchschmerzen, bei dem von ihnen gewählten Weg und legalere Mittel wären mir lieber gewesen. Der Zweck heiligt für mich nicht immer die Mittel. Für einen Roman ist so ein Rechtsstreit aber sicherlich etwas trocken und wenig mitreißend, da ist die gewählte Handlung schon interessanter. Im Übrigen gibt es aber sonst keinen Umweltaspekt der nicht behandelt wird.

Mit diesem Band wird die Geschichte von Sina abgeschlossen und abgerundet. Es ist klar, daß Sina, nach all ihren Umwegen und Krisen und Problemen schon ihren Weg finden wird und es wird ein guter sein. Pubertät ist eben auch die Zeit der Selbstfindung und das ist ihr gelungen. Ein toller Mix aus persönlicher Entwicklungsgeschichte und Ökoaufklärung - ein Thema, das uns alle angeht und die Generation „Fridays for future“ besonders bewegt.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Ilona Einwohlt für dieses Gewinnexemplar, bei dem auch ich noch einiges gelernt habe.