Die Schwestern, Colm Toibin, Olga Thormeyer, 3 h 21 min. ungekürzt, Goya Verlag, digital
Als ihr Vater plötzlich stirbt, ist die jüngste Schwester Montse erst 5 Jahre alt und ihre Mutter traut sich die Erziehung der Mädchen so alleine ohne Arbeit nicht zu. Obwohl ihre jüngere Schwester Julia unverheiratet ist und in einem eigenen Haus in den Pyrenäen lebt, beschließt sie mit den 3 Mädchen nach Argentinien auszuwandern und dort Verwandte um Hilfe zu bitten. Doch die Verwandten haben genug mit sich selbst zu tun und so ist es eine katalanische Nonne, die bezaubert von Nurias guten Benehmen und Charme und ihrem katalanischen Akzent, den Mutter eine Arbeit besorgt und den Mädchen Stipendien für die private Ordensschule. Während Nuria, die Älteste, alles dran setzt sich einzuleben und die gesellschaftliche Leiter empor zu steigen, gelingt es ihren jüngeren Schwestern nicht und sie entfremden sich immer mehr. Conxita arbeitet nach der Schule als Gesellschafterin einer feinen Dame und ihrer zarten Tochter und Motse wird gezwungen, die Schule vorzeitig mit 16 Jahren zu verlassen, um die Stelle der Mutter zu übernehmen, um für sich selbst zu sorgen, weil Nuria mit ihrer Eheschließung, ihre Mutter zu ihrer Unterstützung angeblich benötigt. So entfremden sich die drei immer mehr, bis Motse einen Brief von Tante Julias Anwalt aus Spanien erhält, der ihr mitteilt, dass sie drei das Haus ihrer Tante in den Pyrenäen geerbt haben. Sie beschließen, dorthin zu reisen...
Also, ich bin ja eigentlich kein Gegner vom Kürzen. Ich würde so manche Geschichte hier und da ganz gerne straffen, aber diese hier, hätte tatsächlich gerne noch etwas länger werden können. Das Ende war nicht ganz so offen, wie es bei Literatur bisweilen populär ist und Motses raffinierter Kniff hat mich schmunzeln lassen und ich bin daher ganz zuversichtlich, dass es schon alles gut werden wird. Dieser Kurzroman, ist nicht gekürzt, aber ich hätte gerne noch mehr über diese drei Schwestern erfahren… Besonders Motse und Conchita sind mir ans Herz gewachsen, während mit Nurias anmaßende Art schon echt auf die Palme gebracht hat. Die beiden Jüngeren Motse und Conxita werden nur allzu leicht unterschätzt, aber nach und nach merkt man, dass sie es eigentlich faustdick hinter den Ohren haben.
Colm Toibin erzählt diese Geschichte von diesen drei absolut unterschiedlichen und entfremdeten Schwestern mit viel Blick und Liebe für kleine feine Details. Diese bleiben auch wirklich im Gedächtnis haften, weil sie die Geschichte so einzigartig machen. Schon den Einstieg in die Erzählung fand ich bemerkenswert. Gut, bei mir als Krimifan stirbt meistens jemand zu Beginn, dass ist hier nicht so, aber man wird wirklich mittenrein in Szenen des Lebens der Schwestern geworfen und muss erst mal für sich sortieren, wer sind sie? Wo und wann spielt das Ganze…? und dann zündet sie. Denn eigentlich ist der Beginn ganz herrlich absurd, auch wenn er mich anfangs irritierte, ließ er mich später schmunzeln.
Colm Toibin trifft den richtigen Ton um diese seltsame Dynamik zwischen den Schwestern zu beschreiben und er macht es uns eigentlich unmöglich, die Älteste, die nach Außen hin die Erfolgreichste zu sein scheint, wirklich zu mögen. Sie ist ziemlich skrupellos beim Verfolgen ihrer eigenen Ziele. Er beobachtet sie nur zu genau und schonungslos. So wie er uns ihre Entfremdung schildert, bringt er sie einander auch wieder näher, aber doch nicht ganz. Am Ende bleibt die Hoffnung, darauf dass alles für sie und zwischen ihnen wieder gut wird. Wie dies geschehen könnte, deutet er an, überlässt aber die Details unserer Fantasie und so hatte ich meine wahre Freude daran mir vorzustellen, wie Montse Chef wohl reagierte, als er merkte, dass sie sich verabschiedet hat und wie.
Olga Thormeyer liest sensibel und doch abwechslungsreich. Sie schafft es stimmlich fast drei ganze Leben zu umspannen und all ihre Sorgen und Nöte, Kniffe und Tricks uns zu schildern. Einiges werde ich wohl selbst mal versuchen müssen. Die Telefonstrategie der Mutter hat mich wirklich amüsiert! Eine ruhige Erzählung dennoch voller Emotionen und Überraschungen.
Ich bedanke mich ganz herzlich beim Goya Verlag für meinen Rezensionsdownload!
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