Werbung/Rezensionsexemplar: „Die geliehene Schuld“ Claire Winter, gelesen von Sabine Kaack, Der Audio Verlag, 15 h 51 min. digital ungekürzt
Berlin Sommer 1949: Die junge Journalistin hat im 2. Weltkrieg ihren Mann und ihre Eltern verloren und ist Politik leid. Sie will nur noch vergessen und über Kultur schreiben. Doch als ihr Kindheitsfreund und Politikjournalist Jonathan, dem sie wahrscheinlich ihr Leben zu verdanken hat, unter dubiosen Umständen ums Leben kam, als er gerade an einer brisanten Recherche war, kommt sie ins Grübeln. Sie erhält mit der Post Unterlagen über seine letzte Recherche über Fluchtrouten und Indentitätstauschs von Nazikriegsverbrechern. Als dann noch ihre Wohnung durchsucht wird und diese Unterlagen erst verschwinden und dann wieder auf ihrem Schreibtisch auftauchen, ist sie entschlossen seine Untersuchungen fortzusetzen, da sie überzeugt ist, das es Mord war. Dabei erfährt sie, dass Jonathan engen Kontakt zu Marie Weißenburg aus Adenauers Stab hatte. Während sie Unterstützung von Jonathans Berliner Quellen erhält, scheint Marie unauffindbar und immer wieder begegnet ihr der Fremde, der in ihre Wohnung einbrach, um an das Recherchematerial zu kommen. Je tiefer sie gräbt, auf desto mehr Widerstand stößt sie, bis es auch für sie lebensgefährlich wird.
Klassifiziert ist diese Geschichte als Unterhaltungsliteratur, aber das trifft es nicht so ganz, denn ich fand es unglaublich komplex und spannend. Anfangs dachte ich, dass wir über Marie mehr in die Gründung der Bundesrepublik eingebunden würden, aber das ist wirklich eine Nebensache. Es geht nicht um die Pfeiler der Demokratie, sondern die Gefahren dieser. Es geht um alte Seilschaften, auch auch denen dienen, sie zuvor als Kriegsverbrecher gesucht wurden und deren Akten auf unerklärliche Weise verschwanden. Es geht um ewig Gestrige und gefährliches Gedankengut und dass es eigentlich gar nicht geht, völlig unpolitisch zu sein. Es geht darum hinzuschauen und nicht wegzuschauen.... weil das viel zu viele gemacht haben, mit fatalen Folgen. Wer geschickt war, hat es stets geschafft oben mitzuschwimmen, bei den Mächtigen und nicht zwingend Anständigen. Gerade diese Seilschaften und mit welcher Skrupellosigkeit sie ausgenutzt werden auch von unerwarteten Seiten sind gefährlich und bauen hier eine wahnsinnige Spannung auf.
Aber keine Sorge, es ist auch ein historischer Frauenroman, in dem deutlich wird, dass Marie, anders als ihre Brüder, die Sekretärinnenschule besuchte, während ihre Brüder studierten. Das war ja klar, aber doch kein Mädchen! Da sieht man ja auch schon, an Maries Geschichte, wozu das führen kann, wenn Frauen selber denken, denn neben Vera spielen auch die noch jüngere Marie und ihre jüdische Freundin eine ganz entscheidende Rolle (aber zu viel will ich ja nicht verraten). Die drei jungen Frauen sind auf Anhieb sympathisch, wie sie beschließen ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und nicht unbedingt das zu tun, was die Männer ihrer Familie erwarten.
Geschickt lässt Claire Stern die Handlung zwischen Berlin und Bonn/Köln hin und herwechseln und wir begleiten Vera und ihren Schatten auch bis nach Südtirol. Diese ungekürzte Lesung fand ich so interessant, geschichtlich, spannungstechnisch und emotional, dass ich keine Minute hätte missen mögen. Für mich gab es keine Längen. Dafür stimmt es mich aber skeptisch gegenüber den Kriegsverbrechern der letzten Jahre und Jahrzehnte und welchen Regierungen ihre Kooperation wohl gerade gelegen kommen könnte. Ihr Schreibstil ist flüssig und packend. Das wird sicherlich nicht mein letztes Buch von ihr sein.
Sabine Kaack klingt viel jünger als sie ist und passt gut zu dieser jungen, energischen Witwe, die eigentlich nur leben will, endlich! Man spürt ihre Emotionen sowohl in ihren Erinnerungen, aber auch beim Verlust des Freundes, der für sie die letzte Familie war. Sie nimmt uns mit ihrer Stimme in alle Höhen und Tiefen und lässt diese ebenso lebendig werden, wie die Schicksale von Maire und Lina. Zum Schluss gibt es einen Zeitsprung von einigen Jahren, damit wir noch erfahren, wie es ihnen anschließend ergangen ist... Das rundet alles wunderbar und passend ab.
Spannend, kritisch und bewegend, kann ich es nur empfehlen.
Ich bedanke mich ganz herzlich beim Der Audio Verlag für meinen Rezi-Download.
https://der-audio-verlag.de/hoerbuecher/die-geliehene-schuld-winter-claire-978-3-7424-4248-2/
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