Dienstag, 26. November 2019

Schiefer die Socken nie hingen, Ulrike Herwig, dtv



Schiefer die Socken nie hingen, Ulrike Herwig, dtv

Julia und Frank, beide Mitte 50, leben ein geruhsames Leben in Weimar, ebenso wie Franks Mutter, die rüstige Elisabeth (80), die gerne mal mit ihren exzentrischen Ideen, ihr Altersheim ein wenig aufmischt. Ihre drei Töchter sind weit verstreut. Die älteste Charlotte lebt mit Mann Rob und Säugling Connor, direkt neben den Schwiegereltern in Seattle. Anne ist erfolgreich in London und will erstmals mit ihrem Freund dem erfolgreichen Investmentbanker Jason traditionelle englische Weihnachten feiern, Die jüngste, die blauhaarige Emily, lebt ein wenig planlos in einer alternativen WG in Berlin und versucht die Welt zu retten und sich selbst zu finden. Als nach den beiden Älteren nun auch Emily ihre Teilnahme am besinnlichen elterlichen Weihnachtsfest absagt, um mit ihrer WG eine anti-Konsum-Terror-Party zu veranstalten, sind ihre Eltern sehr geknickt. Sie hatten doch schon so viel vorbereitet! Doch es kommt völlig anders. Nach und nach rufen die Töchter schluchzend an und klagen darüber, daß sie ihre Eltern zu Weihnachten vermissen, aber nicht weg können. Da entschließen Julia und Elisabeth spontan alle Töchter nacheinander zu besuchen und einfach drei mal Weihnachten zu feiern dieses Jahr. Problematisch ist dabei nur Franks legendäre Flugangst, die bislang jeden Besuch bei den Auslandstöchtern verhindert hat. Doch wo ein Wille, da auch ein Weg und Elisabeth kann sehr überzeugend sein, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat!

Dies ist ein Familienroman, um Eltern, die ihre Kinder über alles lieben und für sie die Welt aus den Angeln heben würden und als Dank dafür, von ihren Töchtern zurück geliebt werden, wenn auch z.T. vom anderen Ende der Welt. Ach ja, Oma Elisabeth sollte man da nicht vergessen, denn sie bringt mit ihren teilweise sehr listigen und einfallsreichen Ideen richtig Schwung in diesen Weihnachtsroadtrip. Dieser zeichnet sich vor allem durch 3 Eigenschaften aus: 1. er ist irrsinnig witzig, ich habe immer wieder Tränen gelacht, 2. er ist unglaublich abwechslungsreich, bei dieser 3 tägigen Weihnachtstour hagelt es nur Pleiten, Pech, und Familienliebe denn er ist auch 3. sehr warmherzig und gefühlvoll, ohne kitschig zu sein.

Die sechs Familienmitglieder sind mit Ausnahme von Emily, Oma Elisabeth und Frank eigentlich ziemlich normal. Frank hat so ein paar kleine Schrullen, wie die Flugangst und die Überzeugung, dass Weihnachten nirgendwo so schön ist, wie in Weimar, ein bisschen unflexibel und spießig ist er über die Jahre geworden, aber immer noch sehr liebevoll, großzügig und mit einem noch größeren Herzen für seine Töchter. Elisabeth ist mit ihren 80 Jahren weder auf den Kopf, noch auf den Mund gefallen und fest entschlossen, die Zeit, die ihr noch bleibt aus vollem Herzen zu genießen. Dabei kennt sie ihre Heimbewohner und auch ihr Lieben ganz genau und weiß bisweilen welchen emotionalen Knopf sie nur drücken muss, um ihr Ziel zu erreichen. Emily ist noch etwas planlos. Doch sie ist wie ihre WG sehr engagiert, ausgesprochen tierlieb und will die Welt verbessern. Gänsebraten und Flugreisen sind für sie also eigentlich völlig ausgeschlossen, außerdem ist sie unsterblich in ihren Mitbewohner Jannik verliebt..... Anne liebt Jason und hofft auf einen Antrag von ihm, während Charlotte längst glücklich verheiratet ist, mit dem Sohn der wahrscheinlich größten Weihnachtsfans der vereinigten Staaten. Ein ganz schönes Kontrastprogramm zur besinnlichen deutschen Weihnachtszeit. Julia ist die gute Seele, mal Ruhepol, mal treibende Kraft und manchmal der Verzweiflung nahe.

Man mag einiges in diesem Roman überspitzt finden, ja, das macht ihn ja so lustig, aber es steckt viel selbst beobachtete Wahrheit dahinter. Autorin Ulrike Herwig wuchs in Jena in der DDR auf, lebte später längere Zeit in London, inzwischen aber mit Mann und Töchtern in Seattle. Sie kennt sich also mit Weihnachten in den beschriebenen Gegenden aus und auch mit den uns Deutschen in den Staaten angedichteten Bräuchen. Ich war mindestens so überrascht und amüsiert wie sie, zu erfahren, was wir denn so Weihnachten alles suchen (ja, die Amis sind überzeugt, dass wir Weihnachten suchend verbringen, Weihnachten, nicht Ostern).


Ach ja, damit man dieses turbolente Chaos so richtig nachfühlen kann, gibt es hinten im Anhang noch ein paar weihnachte Rezepte aus den USA, England und Deutschland, für internationale Feiertage, aber wirklich interessante Rezepte, die man nicht überall findet.

Ich wünschte, dieses Buch würde verfilmt, das könnte ich mir richtig gut vorstellen und würde es mir auch sofort ansehen... Ein Buch das rundum gute Laune und glücklich macht, wenn das nicht für die Vorweihnachtszeit wie gemacht ist!

Ich bedanke mich bei Ulrike Herwig und dem dtv für diese Leserunde bei Lovelybooks.

Sonntag, 24. November 2019

Tief eingeschneit, der zweite Fall für Gamache, Louise Penny, gelesen von Hans-Werner Meyer, gekürzte Lesung, 7 CDs, 9 h 40 min.



Tief eingeschneit, der zweite Fall für Gamache, Louise Penny, gelesen von Hans-Werner Meyer, gekürzte Lesung, 7 CDs, 9 h 40 min.

Weihnachten naht, in Three Pines, ebenso wie in Montreal, Québec. Rund ein Jahr ist es her, seit die Unternehmerin Ceci den Poitiers in das alte Headley Haus auf dem Hügel zog, in dem sich damals so schreckliche Szenen abgespielt hatte. In all der Zeit hat die neue Bewohnerin keinen Weg in die Herzen ihrer warmherzigen, offenen, neuen Nachbarn gefunden. Sie wirkt kalt und abweisend. Ruth Sardo, die Dichterfürstin des Dorfes hat eine Lesung in der Provinzhauptstadt und all ihre Freunde fahren natürlich hin. Dabei ahnen sie nichts davon, dass sich fast vor ihren Augen ein tragischer Mord an einer Obdachlosen abspielt. Ein Fall, der sofort zu den Akten gelegt würde, wäre diese nicht zufällig Gamache in die Hände gefallen, der der Verstorbenen zumindest ihre Würde in Form ihres Namens zurückgeben möchte. Doch viel Zeit bleibt ihm hierfür nicht, denn er wird wieder nach Three Pines gerufen, als dort auch ein unnatürlicher Todesfall für Entsetzen sorgt. Ceci de Poitiers erliegt beim traditionellen Weihnachtscurling Turnier einem Stromschlag. Dank ihres abstoßenden Charakters vermag niemand zu trauern, doch wer hatte ein Motiv und die Gelegenheit?


Offiziell ist dies der zweite Fall für Gamache, aber das ist natürlich bei so einem erfahrenen Ermittler Unsinn! Es ist schlicht und ergreifend der zweite Fall, der ihn und sein Team in das ebenso beschauliche wie außergewöhnliche Three Pines verschlägt. Denn mindestens ebenso wie der Polizei-Chef der Sureté ist die recht eigenwillige Dorfgemeinschaft Hauptperson dieser Reihe. Die Charaktere sind liebenswert verschroben, ohne dabei wie Abziehbilder oder lächerlich zu wirken. Louise Penny schafft es, jedem ihrer Dorfbewohner ein Herz und unantastbare Würde zu schenken, selbst der toten Obdachlosen, wenn auch nicht der gierigen, selbstverliebten Ceci. Da es ein Charakterkrimi ist, entwickelt er sich behutsam und gründlich. Jedes Detail zählt, es geht nicht um Tempo, sondern um Persönlichkeit, die Spannung erzeugt. Auch wenn auf Klamauk durch Skurrilität verzichtet wird, ist diese Reihe nicht ohne Humor. Es sind die kleinen, feinen bissigen Pointen, die mich bisweilen zum Lachen brachten. Es sind die Schicksale, in ihren Feinheiten und ihrer Ausarbeitung, die mein Herz berührten. Ein klassischer Krimi, in einem Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, ebenso zeitlos ist auch dieser Fall mit seinen Figuren. Klar, in dieser Gegend gibt auch das Klima das Tempo vor. Bei für uns unvorstellbaren – 30 Grad Celsius verlangsamt sich das Leben automatisch. Doch auch die idyllisch scheinenden weißen Schneemassen, können nicht über die Grausamkeit der gewaltsamen Morde hinwegtäuschen, so grausam, wie auch diese weiße Pracht sein kann. Dennoch gehören Wind und Wetter in die abgelegenen Wälder von Québec und verleihen der Reihe weiteren unnachahmlichen Charme. Man muss gut und sehr genau hinhören, um die Hinweise nicht zu verpassen. Ich hatte so meine Vermutungen, aber irgendwie sprach immer etwas gegen meine Theorie... so dass ich bis zum Ende mitgerätselt habe, gemeinsam mit den vergnüglichen Dorfbewohnern, die wieder ihren Teil zur Aufklärung beitragen, dank ihrer Beobachtungsgabe und ein paar zufälligen Begebenheiten und seltsamen Angewohnheiten.

Diese winterlich-eisige Folge wird wieder von Hans-Werner Meyer (dem Chefermittler der ZDF-Serie „Letzte Spur Berlin“) gelesen. Seine Stimme passt sehr gut zu Armand Gamache, der in seinem Alter ist, besonnen und empathisch. Seiner wohlklingenden, ausdrucksstarken Stimme höre ich gerne zu. Lebendig spricht er die Charaktere, die er ausarbeitet, was ihm wirklich gut gelingt, bis auf Claras Ehemann Peter, der zum Glück keine besonders große Rolle spielt. Die schroff-schräge Dichterfürstin Ruth Sardo trifft er meines Erachtens aber auf den Punkt!
Auch sehr gefällt mir, dass ein Film-Klassiker auf VHS-Kassette eine Rolle spielt und klar wird, manchmal kann alte Technik sehr verräterisch sein.

Winterlich, nostalgisch, eigenwillig und manchmal gleichzeitig bissig-böse und liebevoll zugleich. Ich liebe diese Mixtur einfach und könnte auch noch länger zuhören. So hoffe ich einfach auf die Vertonung von Fall 3 ;)

Vielen lieben Dank an den DAV für dieses Hörexemplar einer meiner Lieblingskrimireihen aus Kanada.

Hier könnt Ihr schon mal hineinhören: