Freitag, 7. Juni 2024

Ein Ort für immer, Graham Norton, gelesen von Cathlen Gawlich, Argon Verlag, 2 MP3 9 h 25 Min. ungekürzt

Ein Ort für immer, Graham Norton, gelesen von Cathlen Gawlich, Argon Verlag, 2 MP3 9 h 25 Min. ungekürzt

 

Carol (48) ist das jüngste Kind von Self-Made Unternehmern, die sich an allem erfreuen, was neu und modern ist. Als erstes Familienmitglied studiert sie zum Stolz ihrer Eltern englische Literatur und wird Englischlehrerin, heiratet den attraktiven Sportlehrer, bekommt einen Sohn und erzieht diesen nach sechs Jahren alleine... alles scheint in ruhigen Bahnen für die Ewigkeit zu verlaufen, bis sie sich Ende Dreißig in den deutlich älteren Declan, den Vater ihrer Schülerin Sally verliebt. Er scheint die Liebe ihres Lebens zu sein und sein altes Haus in der Stableroad, endlich ein Heim. Doch die jeweiligen Sprößlinge sind von dieser ungleichen Beziehung ebenso wenig begeistert, wie ihre Eltern. Nach nur 10 gemeinsamen Jahren, wird Declan dement und seine Kinder Kilian und Sally schieben ihn in ein Heim ab und werfen sie aus dem Haus. Carols Eltern sind empört, über die Behandlung ihrer Tochter und kaufen unter Angabe einer Investmentfirma das Haus für sie zurück. Eine folgenschwere Entscheidung, denn nach Tagen und Wochen des Leerstands beginnt das Haus, das Declan niemals verkaufen wollte, solange seine Kinder leben, sein furchtbares Geheimnis preis zu geben.

 

Dies war mein erster Roman des erfolgreichen irischen Autors Graham Norton, der so beliebt ist, dass seine Romane als Hörbücher noch auf Tonträgern erscheinen. Das konnte ich mir also nicht entgehen lassen, auch wenn ich nicht wusste, was da auf mich zukommen würde und dennoch war es ganz anders, als ich es erwartet hätte.

 

Carol hat nicht wirklich Glück mit den Männern in ihrem Leben. Auch wenn sie Alex ihren geliebten Sohn Craig zu verdanken hat, zieht dieser, kaum hat er die A-Levels geschafft, weit weg vom heimischen Bellytour im County Cork. Declan scheint ein Mann mit Niveau, aber es ist nicht der große Altersunterschied zwischen ihm und Carol, den ich zu unattraktiv finde, sondern seine distanzierte Beziehung zu seinen eigenen Kinder. Eigentlich betet Sally Carol ja an, aber sobald die zwei ein Paar sind, scheint Declan alles daran zu setzen, Carol nur an sich zu binden und von seinen Kindern fern zu halten. Über seine Frau, die eines Tages, als Sally erst vier und Kilian zehn Jahre alt war, schweigt er beharrlich. Dennoch finde ich die Entscheidung seiner Kinder noch härter, ihren Vater in ein Heim abzuschieben, um Carol, die ihn gerne im Haus betreuen würde, aus eben jenem zu werfen. Es bricht Carol das Herz, weil Declan stets betonte, dass dieses Haus nie verkauft werden dürfte, solange die Kinder noch leben...

 

Ich fand es anfangs sehr deprimierend, denn in Carols Alter noch mal bei den Eltern, in seinem Kinderzimmer einziehen zu müssen, nachdem man seinen Job aufgegeben hat, um den Mann, den man liebt, pflegen zu können, muss sich als ultimative Niederlage anfühlen. Ihre Eltern Moira und Dave sind seit 60 Jahren ein eingespieltes Team und wie es so ist, inzwischen ziemlich eigen und gegenüber Carol recht dominant, meinen aber aber immer nur gut mit ihr. Wobei ich mich auch frage, ob es nicht an Carols Trauer bedingter Passivität liegt, dass ihre Eltern so resolut auftreten, dass sie nicht dagegen ankommen. Ehrlich, auf ihre ziemlich schräge Weise, ist Moira meine absolute Lieblingsfigur. Manchmal kann ich zwar nur mit den Augen rollen, weil mir einige Situationen als Tochter nur allzu vertraut vorkommen, aber sie ist eigentlich eine saucoole Socke. Es tut mir sehr leid für Carol, dass sie keinen Mann finden konnte, der so gut zu ihr passt, wie ihr Vater zu ihrer Mutter. Herrlich beschrieben finde ich aber auch die oberneugierige Nachbarin mit dem schmuddeligen Hund in Carols und Declans Nachbarschaft. Graham Norton legt viel Wert auf lebendige Charaktere, bis in die kleinste Rolle hinein, was mir sehr gut gefallen hat.

 

Je schräger und irgendwie verzweifelter die Situation für Carol wird, desto weniger deprimierend finde ich sie eigentlich. Das liegt daran, dass sie in den Momenten dann merkt, dass sie doch nicht allein ist und eine ganz besondere Verbündete auf der Bildfläche erscheint. Graham Norton schafft es, dieser eigentlich unaufgeregten und tragischen Geschichte irgendwie schrägen irischen Humor einzuhauchen, den Cathlen Gawlich hervorragend herüberbringt, wie auch die übrigen Gefühlsfacetten die Carol im Laufe dieses Romans durchlebt. Bislang war sie mir nur von Kinderbüchern bekannt, aber auch diese Heldin im besten Alter kann sie ganz wunderbar verkörpern.

 

Eine ungewöhnliche Geschichte, mit echten Wendungen, die mir gerade wegen der vielen kleinen schrägen Details lange im Gedächtnis bleiben wird!

 

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Argon Verlag für mein Rezensionsexemplar!

 

Hier findet Ihr eine Hörprobe:

https://www.argon-verlag.de/hoerbuch/graham-norton-ein-ort-fuer-immer-9783839821213

 

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Dienstag, 4. Juni 2024

Blogtour zu „Eddas Aufbruch“ von Beate Rösler

Blogtour zu „Eddas Aufbruch“ von Beate Rösler

 

Nach der Zeit des absoluten, blinden Gehorsams der Nazi-Zeit, die zum desaströsen 2. Weltkrieg führte, stellte die darauffolgende Generation alles in Frage, was für ihre Eltern selbstverständlich war.

 

So fällt erst mal auf, dass Edda zwar schon 19 Jahre alt ist, als sie ihr Abitur macht, aber von ihren Eltern dennoch wie ein Kind behandelt wird. Klar, sie hätte heiraten und eine Familie gründen können, aber eigenständig entscheiden als Au Pair ins Ausland zu gehen, ohne die Zustimmung ihrer Eltern, das ging nicht. Damals wurde man erst mit 21 statt mit 18 volljährig, das gefiel der Jugend nicht. Darum wurde in den folgenden Jahren auch für das Wahlrecht und die Volljährigkeit ab 18 gekämpft, um sich nicht mehr so machtlos zu fühlen, wie Edda.

 

Eddas Klassenkameradin Karin Storch, die in ihrer Abirede die Lehrer zur „Erziehung zum Ungehorsam“ aufrief, hat nicht nur Edda tief beeindruckt, sondern wurde für ihre mutige Abirede im Juni 1967 sogar mit der Theodor Heuss Medaille ausgezeichnet. Später wurde sie ZDF-Korrespondentin. Nicht nur Eddas Eltern waren völlig empört über diesen Aufruf, die Mitschülerinnen aber schwer beeindruckt! Dieser Teil ist keine Fiktion.

 

Dass Edda nach Berlin fuhr und dort unverheiratet bei ihrem Freund Kai in der WG übernachtete (und unverheiratet!) Sex hatte, das ging gar nicht! Nicht nur moralisch, es war auch gesetzlich verboten! Der Kuppelei Paragraph §180 StGB alte Fassung verbot seit 1872 die Förderung oder Duldung außerehelichen Geschlechtsverkehrs (Unzucht). Damit war es bereits verboten, unverheiratete Paare in einem Zimmer übernachten zu lassen. Ihnen ein Hotelzimmer zu vermieten, oder gar eine Wohnung ohne Heiratsnachweis, war undenkbar und wurde (schlimmstenfalls) mit Haft bestraft. Bei mildernden Umständen konnte die Haft auf einen Tag reduziert werden. Erst 1973 wurde das Sexualstrafrecht reformiert und nur noch Geschlechtsverkehr mit unter 16 jährigen bzw. gegen Entgelt unter 18 Jahren strafbar.

 

Die Studentenrevolten haben gemeinsam mit der Erhältlichkeit der Pille die Sexualität enttabuisiert. Die Studentenführer sei es die Kommune 1 oder andere Vorreiter, die die freie Liebe predigten, waren radikaler als Edda, die sich für einige Regeln in Kais Studenten WG nicht so begeistern konnte. Da Scham und Prüderie als völlig spießbürgerlich erachtet wurden, wurde auf Türen selbst für Bad und WC verzichtet. Danke, da verzichte ich dann gerne...

 

Selbst die neuen und alten demokratischen Parteien kamen bei Teilen der Jugend nicht gut an. So bildete sich in der Studentenszene die APO – die Außerparlamentarische Opposition. Auch wenn eine Opposition ohne Parlament in sich widersinnig ist, wollten diese Studenten signalisieren, dass sie ihren kritischen Geist nicht in festgefahrene politische Strukturen einengen lassen wollten. Mit ihren Jeans, ihren langen Haaren und ihren Outfits, die dem Selbstverständnis ihrer Eltern so ganz offen widersprachen (die mit Anzug und Kostüm zur Uni gingen und sich untereinander siezten!), waren sie nicht zu übersehen. Sie wollten die Schuld ihrer Eltern nicht auf ihren Schultern tragen und Deutschland von den reaktionären Strukturen befreien. Zu viele Nazis saßen noch trotz Verurteilung in wichtigen, einflussreichen Positionen, ohne ihre Strafen ableisten zu müssen. Nach dem Krieg herrschte auch Mangel an gut ausgebildeten Männern, egal welcher Gesinnung. Das wollte einige Junge nicht hinnehmen und notfalls mit Gewalt ändern. So entstand damals die RAF, deren Name durch die Festnahme von Daniela Klette vor Kurzem wieder durch die Medien ging. Doch nicht jeder hat wie Marcel diese Gruppe, die für 33 Morde verantwortlich war, bewundert. Trotz ihrer Achtung für Ulrike Meinhofs journalistische Arbeit und ihr Engagement für bessere Bedingungen in Erziehungsheimen, kann Edda sich mit der Radikalität und der Widersprüchlichkeit der RAF und Andreas Baaders im Besonderen nicht anfreunden.

 

Ich hoffe, dieser Überblick über einige der gesellschaftlich relevanten Themen des Buches haben Euch nun neugierig gemacht und ermuntern Euch, stets die Welt kritisch zu hinterfragen!

 

Viel Spaß mit der Blogtour!

 

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