Montag, 19. September 2022

Das Buch der Seelen, Mechthild Gläser, Loewe Verlag

 

Das Buch der Seelen, Mechthild Gläser, Loewe Verlag

 

Seit Generationen betreibt die Familie MacDonald ein Fotostudio in einem alten, mehrstöckigen Altstadthaus in Edingburgh. Auch Elsie scheint die Leidenschaft ihrer Familie für Blenden, Beleuchtung und Tiefenschärfe geerbt zu haben. Seit Kindertagen hütet sie ein antikes Fotoalbum ihres Ur-Ur-Großvaters John mit seinbar missglückten Aufnahmen. Sämtliche Motive weisen rotglühende Augen auf und sind auch sonst etwas gruselig, mit Ausnahme des Bildes des rotäugigen jungen Lord Aiden Storm, der im Jahr 1900 nur knapp älter war, als Elsie jetzt, ehe er spurlos verschwand. Mangels Geschwistern und Haustieren hat sie sich angewöhnt, mit seinem Foto zu sprechen und hat das Bild des gespenstischen Riesenhundes sogar früher „Gassi geführt“. Doch nach einem Schulreferat über das Familienunternehmen, bei welchem sie das Album durch die Klasse gehen lässt, fehlen diese zwei Aufnahmen und drei weitere. Elsie ist untröstlich, bis sie plötzlich Lord Aiden Storm erst auf Instagram und dann noch in ihrer Schule wieder sieht. Wie ist das möglich?

 

Bei diesem Cover und diesem Klappentext wusste ich sofort: Das ist ein Buch für mich! Als Jugendliche war ich leidenschaftliche Romantic Mystery-Leserin. Ganz offensichtlich liebe ich das Genre auch heute noch. Ich mag die Mischung aus junger Liebe, Romantik und schauriger Spannung, ohne Ekelfaktor. Hier hat sich die Gänsehaut wunderbar mit dem Herzklopfen und der Sehnsucht nach Grannys fantastischem Shortbread abgewechselt. Dabei hat mir besonders gut gefallen, dass ich im Gegensatz zu Elsie eben nicht davon überzeugt war, dass Aiden einer von den Guten ist. Warum sonst wäre er in dem Fotoalbum ihres Vorfahren gefangen gewesen, wenn er denn kein Monster gewesen ist? Diese Geschichte ist inspiriert von Oscar Wildes Meisterwerk „Das Bildnis des Dorian Grey“ und Dorian wurde unter seiner strahlenden Hülle immer verdorbener. Trifft dies auch auf Aiden zu? Kann ein junger, gutaussehender Adeliger mit unfassbarem Reichtum eigentlich anders als verdorben sein? Allerdings ist Aiden nicht der Einzige an dessen Charakter ich gezweifelt habe. Klar, Benisha ihre beste Freundin ist natürlich ein Fels in der Brandung, aber wie sieht es mit der schönen Stella, der Tochter der Freundin von Stellas Vater aus?

 

Ein altes Schloss in Schottland, ein verfallendes Herrenhaus neben der Schule und natürlich ein alter, still gelegter Friedhof sind ebenso die stimmungsvollen Kulissen, wie die Katakomben von Edinbourgh. Über diese habe ich mittlerweile so viel gelesen, dass ich mich echt ärgere, dass ich zwar in Edinbourgh war, aber immer nur oberirdisch. Welch perfekter Ort für üble Machenschaften!

Hier treffen zwei Jahrhunderte sehr charmant aufeinander. Natürlich misstraut Aiden Smartphones und Computern, aber es wird nie in Lächerliche gezogen, ebensowenig, wie seine formvollendeten Manieren, die aus der Zeit gefallen sind. Ein junger Held, der eine schwere Bürde zu tragen hat. Ob er dieser Aufgabe gerecht werden kann? Natürlich kann Elsie ihn nicht auf rauschende Adelsbälle begleiten, wie es Ende des 19. Jahrhunderts üblich war, aber so ein Halloween- oder Winterball ist für Mittelstufenschülerinnen auch viel cooler. Die Zwänge sind viel geringer und Details für ihre Fotolinse findet Elsie allemal. Ohnehin fand ich Elsie ja von Anfang an eine sehr sympathische Heldin, mit ihrer Liebe für Details und ihrem Hang zum Eigenwilligen. Sie ist eine kein 08/15-Mädchen, die einfach irgendwelchen Trends hinterher läuft, sondern sich aus ihrer Familientradition das für sie passende Hobby aussucht und ihm mit Hingabe frönt.

 

Sehr stimmungsvoll, gerade zur jetzigen Jahreszeit, wenn draußen der Regen prasselt und man ohnehin mit einer heißen Tasse in den Händen vor sich hinfröstelt. Wie gut, dass es einem zum Schluss dann wieder warm ums Herz wird, aber nicht ohne die Gänsehaut davor. Ab 12 Jahren.

 

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Loewe Verlag für mein Rezensionsexemplar.

 

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Freitag, 16. September 2022

Die Wunderfrauen (3) – Freiheit im Angebot, Stephanie Schuster, gelesen von Elisabeth Günther, 2 MP3 10 Std. 32 Min.

 

Die Wunderfrauen (3) – Freiheit im Angebot, Stephanie Schuster, gelesen von Elisabeth Günther, 2 MP3 10 Std. 32 Min.

 

Die Siebziger Jahre mit ihrem Wirtschaftswunder verändern nicht nur die Welt, sondern auch Starnberg und Leutstetten. Die Supermarkt-Konkurrenz macht Luises kleinem Laden schwer zu schaffen. Sie muss sich fragen, ob sich all die Mühe überhaupt noch lohnt. Helga wird in der Seeklinik immer unentbehrlicher, aber ist deren Leitung wirklich ihr Traum? Nach Martins Unfall steht Marie vor einem Scherbenhaufen und muss Haushalt und Hof neu organisieren. Warum nicht also ganz von Vorne anfangen, mit dem Aufbau eines Gestüts, wie es ihr lang gehegter Traum war? Während Annabels Sohn beim Rudern bei der Olympiade in München startet, geschieht das furchtbare Attentat. Doch sind diese Sorgen vorübergehend, die dunklen Schatten der Nazi-Vergangenheit der Familie ihres Mannes und der von Helga holen sie ein. Als unermüdliche Ermittlerin beginnt sie zu graben. Es ist allerdings Louise, der die erstaunlichste Entdeckung gelingt!

 

Die Kinder werden immer größer. Einige verlassen schon das Haus, andere wie Josie und David sind kurz davor. Eine Belastungsprobe für die Ehe ihrer Eltern. Zwischen Louise und Hans war schon länger Sand im Getriebe, aber können sie es noch länger ignorieren? Vielleicht ist Helgas große Freiheit in der Liebe doch der glücklichere Weg? Doch selbst die stets optimistische Helga, die stets auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen schien, scheint von dunklen Schatten eingeholt zu werden. Marie scheint trotz ihres Tatendrangs von den Geistern der Vergangenheit verschluckt zu werden. Ob sie es wieder zurück ins Glück schafft? Annabel ist es leid, sich als Angestellte im eigenen Haus und immer mehr als Ehefrauen-Anhängsel zu fühlen, stets unterschätzt. Sie erhält Unterstützung, mit der sie nie gerechnet hätte. Da Annabel in den Familiengeschichten der von Thalers und der Knaubs stochert, kommt auch das Thema Euthanasie auf, dass einen ganz direkten Bezug zu Louises Bruder Manni und Annabels Tochter Marlene hat. Beide vermitteln ganz eindrücklich wie viel Freude sie an ihren Leben haben, auch wenn sie vom Durchschnitt abweichen und niemand möchte sie missen. Eine kritische, aber sehr positive Auseinandersetzung mit dem Perfektionsanspruch vieler Eltern an ihre Kinder. Denn wenn man diese Rasselbande aufwachsen erlebt, wird auch immer wieder klar, dass Eltern-Kind-Beziehungen nie konfliktfrei und unproblematisch verlaufen.

 

Auch in den Siebzigern geht es für die Wunderfrauen turbulent weiter. Die große Freiheit der Flower-Power-Zeit bietet ungeahnte Möglichkeiten, aber nur für die Teenager oder auch für deren Mütter? Jedes Jahrzehnt bringt ihnen Höhen und Tiefen, die die vier Freundinnen immer fester zusammenschweißt. Dabei wird immer wieder auf die größten Veränderungen der Zeit, wie auch geschichtliche Meilensteine Bezug genommen, hier die Teilung Berlins, die RAF oder die Olympiade 1972 in München mit dem grauenvollen Attentat.

 

Jeder Band beginnt mit einem Vorgriff und stürzt damit stets mittenhinein in die Geschichte, was mich stets irritiert. Ist das jetzt der richtige Track? Habe ich etwas verpasst, oder vergessen. Nein, dass ist die Erzählweise, die mit einem ganz prägenden Moment für diese Zeit beginnt und dann zurückblickt, wie sie bis dahin gekommen sind, um dann zu schildern, inwiefern es prägend für die weitere Entwicklung war. Hier beginnt es in Paris, obwohl Band 2 mit einem tragischen Unfall in Leutstetten endete. Bis man erfährt, wie dieser Unfall endete, muss man sich schon ungefähr das halbe Hörbuch anhören, aber bis dahin ahnt man es eh.

 

Elisabeth Günther verkörpert nicht nur die Höhen und Tiefen in diesen vier Frauenleben sehr lebendig und eindrücklich, sie trifft auch sehr gut Akzente und Sprachmelodien, seien es Amerikaner, Bayern oder Berliner. Sie klingen stets typisch, aber doch gut verständlich. Mal klingt sie bodenständig wie Ur-Bäuerin Tante Polly, mal elitär wie die von Thalers, Annabels Schwiegereltern. Auch Manni, der nur zwei Silben beherrscht, wird von ihr unnachahmlich intoniert. Dennoch, auch wenn er nicht reden kann, können zwei Silben schon eine Menge ausdrücken. Dies schafft sie ebenso natürlich, wie respektvoll.

 

Sehr gut gefällt mir, dass in jedem Band der Reihe auch die größten Hits des jeweiligen Jahrzehnts vorkommen, sei es in der Musik, in der Mode oder im Kino. Dieses Mal gibt es sogar eine Reiseplaylist in Louises Reisetagebuch. Louises Einträge sind sicherlich das große Plus des Buches. Ihr Rezept für Stockbrot klingt nämlich raffiniert und ungewöhnlich, allerdings ist es auf der Tracklist nicht aufgeführt und somit nicht gut zu finden. Im Buch hätte man es schnell beim Durchblättern aufgestöbert.

 

Man merkt, dass mit diesem Band die Reihe eigentlich abgeschlossen ist, denn es endet dieses Mal nicht mit einem Cliffhanger. Ein paar lose Enden gibt es natürlich, denn so ist das Leben, aber wenn man weiß, dass es noch einen Weihnachtsband geben wird, der in den 90er Jahren spielen wird, dann kann man gewiss sein, dass die Wunderfrauen auch diese Herausforderungen meistern werden.

 

Ganz herzlichen Dank an den Argon Verlag für mein Hörexemplar. Eigentlich ist die Triologie nun zu Ende, aber glücklicherweise erscheint bald der Bonusband, der uns die in 90er Jahre unter den Tannenbaum führen wird.

 

Hier findet Ihr eine Hörprobe:

https://www.argon-verlag.de/hoerbuch/schuster-die-wunderfrauen-2005864/

 

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