Montag, 17. Juni 2019

Das Mauerschweinchen, Eine Wendegeschichte, Katja Ludwig, gelesen von Stefan Kaminski und Nana Spier, cbj audio, 2 CDs 2 h 30 min. gekürzt



Das Mauerschweinchen, Eine Wendegeschichte, Katja Ludwig, gelesen von Stefan Kaminski und Nana Spier, cbj audio, 2 CDs 2 h 30 min. gekürzt

Deutschland in den 80er Jahren, Berlin ist eine geteilte Stadt. Eine Mauer zerschneidet sie in zwei Teile Ost (DDR) und West (BRD) und damit auch mitten durch Straßenzüge wie z.B. die Sonnenallee, die Schwedter Straße oder die Wolliner Straße. Das macht auch heute noch das Navigieren durch Berlin schwierig, aber damals war die Mauer zwischen den 2 politischen Systemen schier unüberwindbar. In der Wolliner Str. 54 lebt Aron vorübergehend. Seine Eltern sind als linientreue Genossen zu einem Forschungsaufenthalt in Moskau, so daß Aron, ein leidenschaftlicher Drachen- und Flugzeugkonstrukteur zu seiner Oma zieht. Die ist nicht ganz so linientreu, aber Rentnerin und wohnt in einem der Mauerhäuser. Während sie mal wieder einem ihrer Ausflüge in den Westteil der Stadt macht, was Rentner durften, bleibt Aron zurück. Und nicht nur er, auch Meerschweinchen Bommel von den Müllers, die in einer Nacht- und Nebelaktion ausgereist, oder geflüchtet sind. Wer weiß das schon. Die Nachbarn wollen Bommel grillen und verspeisen, das kann Aron nicht zulassen, aber bei Oma kann er auch nicht leben, wegen der Katze, die frisst bestimmt Meerschweinchen. Also muß Aron Bommel aus den Klauen der gierigen Metzgersfamilie befreien und in Sicherheit bringen.
Auf der anderen Seite der Mauer lebt Nora, in der Wolliner Straße 45. Sie wünscht sich nichts so sehr wie ein Meerschweinchen, doch ihre Eltern wollen keine Haustiere, noch nicht mal ein kleines Meerschweinchen. Darum drückt sich Nora auch immer in der Zoohandlung um die Ecke herum, um bei den Tieren sein zu können, so oft, daß sie mit Antonio, dem geistig zurückgebliebenen Sohn der Eigentümerin sogar schon befreundet ist. Als ihre beste Freundin nun auch dem „Vier-Pfoten-Club“ der Oberklassenzicke beitritt und zu einer Geburtstagsparty einlädt, zu der man nur mit seinem Haustier darf, hat Nora ein echtes Problem. Ob sie sich ein Meerschweinchen aus dem Zooladen ausleihen darf, oder woher soll sie ein Tier nehmen?


Es empfiehlt sich mit der CD von Arons Geschichte zu beginnen, da diese zeitlich zuerst beginnt. Dies ist nicht vermerkt, aber sinnvoll finde ich, nicht jedoch zwingend. Es ist eine Wendegeschichte, obwohl die Wende in der Politik sich noch nicht bemerkbar machte, die Teilung aber allzeit gegenwärtig in den Köpfen der Bewohner Berlins. Doch die Kinder heute können sich das gar nicht mehr vorstellen und es ist auch nicht mehr so viel davon zu sehen, außer daß es an einigen Stellen schwierig ist, die vom Mauerpark geteilten Straßen mit dem Auto zu durchqueren. Wie soll man also Kinder das begreiflich machen, was es damals bedeutete in Berlin zu wohnen, während heute die Problematik bezahlbarer Mieten im Vordergrund steht? Am Besten mit einer Geschichte, einer Geschichte, die in Ost und West spiel, aus der Sicht von Kindern, Junge und Mädchen, damit sich alle angesprochen fühlen. Und wofür brennen alle Kinder, meist vergeblich? Klar für Haustiere! Doch diese Geschichte hier basiert tatsächlich auf wahren Begebenheiten, das fliegende Meerschweinchen hat es gegeben, ebenso wie Aron und Nora, die aber wohl anders hießen, und natürlich die Plastiktüte.
Ich hatte befürchtet, es könnte langweilig sein, weil Arons und Noras Geschichten zu viele Überschneidungen hätten, aber es reizte mich, da das Buch ein Wendebuch ist, das man von zwei Seiten, aus verschiedenen Perspektiven lesen kann, dann dreht man es um und fängt wieder an. Wie soll das denn bitte schön, bei einem Hörbuch funktionieren? Es funktioniert sogar sehr gut! Als ich das Hörbuch auspackte, mußte ich grinsen. Solch eine Hülle hatte ich ja noch nie gesehen, sie lässt sich von vorne und hinten öffnen! Es gibt kein CD 1 oder CD 2, weil es kein vorne und kein hinten, kein richtig und kein falsch gibt. Es sind zwei unabhängige Geschichten, die sich am Ende bzw. in der Mitte bei der Rettung des Mauerschweinchens Bommel treffen, als Happy End sozusagen hat Bommel fliegend die Teilung der Stadt überwunden.
Stefan Kaminski ist selbst Ostberliner und hat auch schon zuvor „Das Labyrinth der Lügen“ einen Jugendkrimi zur Teilung der Stadt gelesen. Er liest Arons Geschichte sehr nachlebbar. Seine Unsicherheit, als seine Oma plötzlich auch weg ist, nachdem sie mal wieder rüber in den Westen ist, seine Verzweiflung, als Bommel gegrillt werden soll und seine Entschlossenheit ihn zu retten, all das hört man seiner Stimme an. Dabei schließen Aron und sein neuer Zufallsfreund einen kühnen Plan. Der ist nicht ganz ohne, denn in der DDR mußte man stets auf der Hut sein, vor Spitzeln, vor allen möglichen Gefahren und zu vertrauen konnte gefährlich sein. Doch für Bommel, wagt Aron es. Das Zögern, das Zweifeln, der Mut der Verzweiflung, all das kann man Aron, alias Stefan Kaminski sehr gut anhören und somit mitfühlen. Besonders das Bespitzelungsgefühl ist sehr gut gelungen, denn eigentlich sollte man sich ja als Kind mit diesem Gefühl nie auseinander gesetzt haben. Fast schon agentenmäßig spannend!
Die Westberlinerin Nana Spier spricht hingegen Nora (das Buchstabenspiel der Vornamen Aron und Nora von der Autorin finde ich schon klasse). Ebenfalls verzweifelt, weil sie ein echtes Problem hat. Sie wünscht sich sehnlichst ein Meerschweinchen zu Weihnachten und bekommt einen Zauberkasten! Außerdem hat sie Streit mit ihrer besten Freundin und die Klassenzicke, hackt auf ihr rum! Diesen Mädchenkonflikt kann man Nana Spier genau anhören, auch diese Biestigkeit von der Nora sich bedroht und verunsichert fühlt. Dennoch ist auch dieser Handlungsstrang, auch jungstauglich, denn sie ist ziemlich gewitzt und keine Tussi. Dilemmamäßig spannend!

Ein Hoch auf die wahrscheinlich tierliebste Plastiktüte der Literaturgeschichte.

Eine sehr außergewöhnliche Geschichte über den Alltag und seine Tücken in der damals geteilten Stadt. Deutsch-deutsche Geschichte wird so auch für Kinder ab 9 Jahren hör- und fühlbar!

Ich bedanke mich ganz herzlich bei cbj-audio für dieses wirklich andere Hörbuch.

Samstag, 15. Juni 2019

Amalia von Flatter (3) Die vergessene Geburtsnachtsparty, Laura Ellen Anderson, Schneiderbuch



Amalia von Flatter (3) Die vergessene Geburtsnachtsparty, Laura Ellen Anderson, Schneiderbuch

In Nokturnia, dem Königreich der Geschöpfe der Nacht, ist immer was los. Seit Amalia und ihre Freunde den Zwist zwischen dem Königreich der Nacht und dem Königreich des Lichts beigelegt haben, hat sich einiges geändert. Sie haben nun Austauschschüler und Austauschlehrer an der Katakomben-Akademie. Dabei sollen sie sogar Heiterkekse backen und der Lehrer Herr Heiter schlägt einen Wettbewerb vor. Wer binnen weniger Tage die meisten selbstgebackenen Heiterkekse verkauft, gewinnt Eintrittskarten für den Kreischkürbispark! Da wollte Amalia, die Kürbisse über alles liebt, schon immer mal hin! Ganz klar muß sie mit ihrem Team gewinnen und nicht die blöde Streberin Frankie. Dafür unterbricht Amalia sogar ihre Geburtsnachtspartyvorbereitungen für ihre Party auf dem Kürbisfeld. Aber irgendwie scheint alles völlig schief zu laufen!


Dies ist der letzte Band der witzig-schaurigen Amalia von Flatter Triologie, über die zwei ungewöhnlichen, entzweiten Königreiche. Hier ist alles etwas anders, man geht nachts zur Schule und Vampire, Kürbisse und Yetis sind die besten Freunde! Das Vampirmädchen Amalia hat nämlich einen süßen Kürbis namens Kürbinian als Haustier und ihre besten Freunde sind Yeti-Mädchen Flora (nein, sie ist KEIN Monster!) und Todd, der Sohn des Sensenmannes, na ja und inzwischen auch Prinz Marillo, der erst noch einiges lernen musste.... Flora entstammt einer ganz seltenen Yeti-Art, ist unglaublich groß und stark und spricht so laut, daß es stets in Großbuchstaben gedruckt wird. Ach ja, sie hat noch dazu einen Sprachfehler... Flora ist der erklärte Liebling meiner Tochter (9), die immer darauf besteht, die bisweilen vorlaute Flora, laut vorzulesen. Aber auch sonst ist diese Geschichte nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich sehr originell. In Nokturnia ist nämlich alles anders als bei uns. So feiert man Geburtsnacht, statt Geburtstag, und früher waren Einhörner und Elfen die gefürchtesten Wesen schlechthin. Dabei hat Autorin Laura Ellen Anderson wirklich ein tolles Gespür für kleine liebevolle Details, in denen sich die Unterschiede zu unserer Normalität zeigen. Übersetzerin Katrin Segerer zeigt ein wirklich bemerkenswertes Sprachgefühl, da die Übersetzungen der Fantasiebegriffe wirklich rund und selbstverständlich und dennoch witzig klingen. Dieser schaurige Sprachwitz machen einen Teil des Spaßes dieser Geschichte aus, aber nicht nur. Die Grundidee und auch die der vergessenen Geburtsnacht ist wirklich originell, aber nicht nur. Denn es geht um Freundschaft, Familie und Geborgenheit, also Themen die auch für junge Leser interessant sind. Damit das Lesen nicht so anstrengend ist, hat die Autorin die Geschichte reich illustriert. Einige Seiten sind sogar weiß auf schwarz, immerhin ist es ja das Reich der Dunkelheit. Die Illustrationen schaffen es gleichzeitig süß, witzig und schaurig zu sein und sich aus der Masse abzuheben. Sie sind niemals kitschig. Abgerundet wird es von einer Art „Ahnengalerie“ welche Bilder mit Steckbriefen inklusive Vorlieben und Abneigungen der wichtigsten Charaktere einschließlich der Mumienmägde zeigen. Das macht den Einstieg für Neulinge in die Serie leichter und man merkt sofort, daß es hier vor allem humorig zu geht. Den vollständigen Überblick bietet dann die Übersichtskarte über Nokturnia, Das Reich des Lichts und allem was dazwischen liegt. Durch eine angenehme Schriftgröße macht so das Lesen auch ungeübten Lesern wirklich Spaß. Die Geschichte ist erfrischend anders und sehr lustig. Leider war dies der finale Band, aber das Ende zaubert dennoch ein Lächeln ins Gesicht!

Wir bedanken uns ganz herzlich beim Schneiderbuch Egmont Verlag, daß wir diese wunderbare Reihe kennen lernen durften.