Sonntag, 2. Dezember 2018

Mäc Mief und das Gruselgewusel im Spukschloss, Carola Becker, Ill. Ina Krabbe, Südpol Verlag



Mäc Mief und das Gruselgewusel im Spukschloss, Carola Becker, Ill. Ina Krabbe, Südpol Verlag

Dies ist bereits der 4. Band für geübte Erstleser um das vorwitzige Schaf Mäc Mief und seine zwei und vierbeinigen Freunde von der Olifant Farm. Dank Ina Krabbes „Wir sind dabei“ Illustration und der behutsamen Vorstellung im Text kann man aber auch gleich mit diesem Band beginnen:

Mäc Mief ist ganz verzückt, der Tag ist herrlich. Sein Lieblingszweibeiner Finn krault ihn, das Wetter ist gut und abends werden sie gemeinsam „das Superschaf“ im Fernsehen schauen. Aber Moment, was hat Finn gerade gesagt? Schlagartig wird ihm bewusst, daß der Tag überhaupt nicht so toll ist, heute sollen die Schafe geschoren werden! Mäc Mief hasst die Schur, sie macht ihm Angst, noch mehr als fiese Gewitter, seine Beine werden ganz kribbelig. Verstecken hilft nicht, das hat er schon mal versucht, Finns Mutter kennt all seine besten Verstecke und es bringt Finn nur Ärger. Also beschließt er wegzulaufen, nur bis abends, pünktlich zum Superschaf will er wieder zurück sein, dann sind die Helfer schon alle weg und er wäre in Sicherheit. Soweit der Plan und zum Glück folgt ihm seine beste Freundin Hütehündin Bonnie, denn als er endlich weit genug weg ist, daß ihm keiner mehr folgt, stehen sie vor einer gruseligen Schlossruine, Tannenzapfen prasseln auf sie nieder und ein furchtbares Gewitter zieht auf. Mäc Mief und Bonnie müssen all ihren Mut zusammen nehmen!

Viele lehnen ja heute den Struwwelpeter als zu brutal ab, aber zum Glück gibt es ja Mäc Mief. Der will sich auch nicht seine herrlich wuschelige Wolle abrasieren lassen, obwohl Finns Vater meinte, das sei nötig, weil.... naja, bei der Erklärung hat er sich die Ohren zu gehalten, denn er wollte sie nicht hören. Macht nix, in diesem Gruselabenteuer erlebt Mäc Mief die Antwort! Wer sich nun fragt, was denn bitteschön der Struwwelpeter mit Schafschur und Gruselschlössern zu tun hat, der sollte einfach dieses Buch lesen, am besten mit Kindern, der Spaß wird Belohnung genug sein. Es ist nämlich herrlich, wie Kinder sich brüsten, „pah, Mäc Mief ist ja feige, was stellt der sich so an!“. - Eine Runde Haarewaschen oder Kämmen gefällig? Tja, manchmal hilft es, die Dinge in die richtige Relation zu bringen. Das muss Mäc Mief diesmal auch lernen, aber auf die gruselige Tour, denn der Mutigste ist er nur manchmal, und das auch nur, wenn er nicht allein ist. Aber den Grund für das Erfordernis der Schafschur zu lernen macht den Lesern richtig viel Spaß, zum einen wegen des unglaublichen Sprach- und Wortwitzes, für ein Buch dieser Altersklasse wirklich ungewöhnlich ist (ich will hier aber nicht spoilern, das Buch ist ja recht kurz und da möchte ich nicht schon die Knaller vorab bringen), zum anderen wegen der unglaublich liebevollen und witzigen Illustrationen von Ina Krabbe. Jede Doppelseite enthält schwarz-weiß Illustrationen die so klasse sind, daß man sofort weiter schauen will, aber die Geschichte ist auch angenehm gruselig-witzig, da verbindet man am Besten das Lesen mit dem Schauen.... Dabei ist die Sprache für Leseanfänger sehr gut verständlich. Die Sätze sind kurz und nie verschachtelt und auf Fremdwörter wird verzichtet und wenn dann werden sie „Deutsch“ geschrieben, so wie der Name des fiesen Nachbarn Eddingbörg mit Leithammel Trabbel.
Auch wenn Mäc Mief sich hier seinen eigenen Ängsten und seiner trügerischen Fantasie stellen muss, so findet er wieder neue Freunde, fühlt sich wie ein wahrer Held und sieht ein, daß so eine Schafschur auch durchaus etwas für sich hat. Bonnie hat das ja gleich gewusst, aber sie lässt ihren Freund Miefi natürlich nicht im Stich und liebt Abenteuer!

Wir lieben diese Mischung aus Witz, Abenteuer, Grusel, Freundschaft und irrwitzigen Ideen auch und sind gespannt, was Mäc Mief und Bonnie wohl als nächstes so erleben.

Freitag, 30. November 2018

Anne Elliot oder die Kunst der Überredung, Jane Austen, gelesen von Kornelia Boje, Der Audio Verlag



Anne Elliot oder die Kunst der Überredung, Jane Austen, gelesen von Kornelia Boje, Der Audio Verlag

Unter dem Motto „Große Werke, große Stimmen“ hat Der Audio Verlag hochwertige Produktionen von Literaturklassikern im neuen Gewand als MP3 aufgelegt. Diese Produktion stammt aus dem Südwestfunk, heute SWR 2.

Persuasion ist eines meiner Lieblingswerke von Jane Austen und mein Penguin Classics ist schon ganz zerliebt. Auf Deutsch kannte ich es aber noch nicht:

Anne Elliot ist 27 Jahre alt und lebt mit ihrem Vater, dem eitlen und oberflächlichen Sir Walter Elliot und ihrer zwei Jahre älteren, strahlenden Schwester Elisabeth auf dem Familienanwesen. Doch ihr Vater und ihre Schwester haben in Anbetracht ihrer vermeintlichen gesellschaftlichen Stellung, mehr ausgegeben, als die Güter einbringen. So bleibt ihnen nichts anderes übrig, als Kellynch Hall diskret zu verpachten und sich in Bath niederzulassen. Dort würde sich im Winter auch Lady Russell die beste Freundin der vor 13 Jahren verstorbenen Lady Elliot besuchen. Pächter werden ausgerechnet der Schwager und die Schwester des Mannes, der ihre zarte Schönheit, ihre Sanftmut und  Geist vor 7 Jahren so sehr liebte, daß er ihr einen Antrag machte. Doch damals hatte Frederick Wentworth weder Rang, Namen noch Vermögen und Lady Russell überzeugte ihre junge, empfindsame Patentochter, daß es besser sei, die Verlobung zu lösen. Heute ist Captain Frederick Wentworth noch genauso gutaussehend wie damals, aber vermögend und angesehen. Nur Annes zarte Schönheit ist verblasst, ohne, daß sie je wieder einen Mann getroffen hat, der ihr Herz so für sich einnehmen konnte. Im Hause ihrer jüngsten Schwester Mary, trifft sie nun immerfort auf ihn und die jüngeren Schwestern ihres Schwagers scheinen um seine Gunst zu buhlen und sie zu empfangen. Obwohl ihr Herz wie wild rebelliert, macht sie gute Miene zum fröhlichen Treiben, das sie auszuschließen scheint.

Dieser reifere Roman von Jane Austen, sprüht vor Charme und Ironie. Mit 27 Jahre als alte Jungfer abgestempelt zu werden ist heute kaum vorstellbar. Doch damals war es anders. Töchter mußten möglichst früh verheiratet werden, damit sie gut versorgt sind. Jedes Jahr kommen neue, jüngere Töchter auf den Heiratsmarkt, da drängt die Zeit. Da Anne zurückhaltend ist und ihre Schönheit nicht strahlend und extrovertiert, wie die ihrer älteren Schwester, wird sie in ihrer Familie gerne übersehen. Nun gut ihre jüngere Mary schätzt sie schon, aber vor allem, damit diese sie umsorgt, ihr Gesellschaft leistet, um ihrer Hilfsbereitschaft wegen und weniger um ihrer selbst willen. Ihr Vater sieht für 54 noch wirklich gut aus und ist eitler als jede Debütantin. Auch das ist heute kein Alter mehr und kein Ausschlußkriterium um zum „sexiest man alive“ gewählt zu werden. Damals vor dem Frauenwahlrecht und der Gleichberechtigung war aber auch natürlich die Lebenserwartung kürzer und Standesdünkel an der Tagesordnung. Diese gesellschaftlichen Feinheiten und ihre bisweilige Absurdität bringt Jane Austen verhalten auf den Punkt. Sehr damenhaft und doch unüberhörbar bringt Kornelia Boje die Nuancen in den Charakteren und Annes Entwicklung vom vertrockneten Mauerblümchen zur geschätzten Gesellschaft auf den Punkt. Während der Rest ihrer Familie bleibt, wie sie schon immer waren, gewinnt Anne mit der Reife hinzu, auch an Schönheit, denn mit dem Glück leuchtet ihre Schönheit von innen heraus und lässt die jungen, vergnügten „Dinger“ schlicht und töricht neben sich wirken. Sie schafft es ihrer Stimme die Wärme, Intelligenz und auch die Distanz von Annes Betrachtungen zu verleihen. Eine wirklich große Stimme, die wirklich toll ist und der ich gerne zugehört habe, aber und jetzt muß ich wohl leider diskriminierend werden, wie eine 27 jährige klingt sie nicht, auch wenn diese spezielle 27 jährige nicht übermütig oder verspielt ist. Sie klingt einfach schon älter als 40 Jahre und ist daher eine perfekte Intonation für Lady Russell, die jedoch nicht die Hauptperson ist. Naja, es gibt noch einige reifere Persönlichkeiten von großer Dummheit in dieser Geschichte, die der damaligen Gesellschaft sanft den Spiegel vorhält, doch einfältig klingt Kornelia Boje in dieser amüsanten Gesellschaftsbetrachtung über die Liebe und ihre Irrtümer, sowohl die Beständigkeit echter Gefühle und Wertschätzung nie.

Für mich zu Recht ein unvergessener Klassiker, den ich sehr liebe, auch wenn er zum Glück mit meinem Leben wenig gemein hat.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Der Audio Verlag für diesen ganz besonderen Literaturschatz.