Dienstag, 21. Juli 2020

Der Junge aus der letzten Reihe, Onjali Q. Raúf, gelesen von Birte Schnöink, 4 CDs 5 h, Hörcompany



Der Junge aus der letzten Reihe, Onjali Q. Raúf, gelesen von Birte Schnöink, 4 CDs 5 h, Hörcompany

Alexa, die Ich-Erzählerin ist 9 ¾ und geht mit ihren drei besten Freunden in eine Klasse. Wenn man so viele beste Freunde hat, freut man sich immer in die Schule zu gehen. Ihre Schule liegt in London, in einem nicht-schicken Stadtteil und so sind nur Michaels Eltern wohlhabend. Alexas Vater starb als sie noch klein war und nun bringt ihre Mutter eine Bibliothekarin sie beide mit 2 Jobs durch. Sie ist die schlaueste Person, die sie kennt, weil sie so viel liest! Eines Tages sitzt ein neuer Junge in der letzten Reihe, auf dem seit den Ferien freien Stuhl. Er ist merkwürdig. Er spricht nicht, verschwindet in den Pausen immer und guckt ganz traurig. Aber die neugierige Alexa findet natürlich heraus, woran das liegt: Er ist ein Flüchtlingsjunge! Was das bedeutet, erklärt ihr ihre Mutter und das findet sie so erschütternd, dass sie beschließt, auch mit ihm befreundet zu sein. Zum Glück sind Michael, Josy und Tom einverstanden mit dem Plan. Diesen umzusetzen ist gar nicht so leicht, wenn Ahmet der Neue in den Pausen immer verschwindet. Nach und nach erfahren sie immer mehr von ihrem neuen, mutigen Freund und stellen sich gemeinsam mit ihm gegen Brandon den Quälgeist, was sich bislang noch keiner getraut hat. Doch dann hört Alexa im Bus etwas mit, dass sie bis ins Mark erschüttert und sie ersinnt mit ihren Freunden, den besten Plan der Welt, bei dem nur noch die Queen helfen kann!

Die Journalistin Onjali Q. Raúf nimmt einen in ihrem preisgekrönten Debütroman mit in ein typisches Londoner Migrantenviertel. Jeder hat hier andere Wurzeln, das ist normal. Nur Brandon der Quälgeist ist blond und blauäugig und bildet sich etwas darauf ein! Für die anderen ist die Herkunft völlig egal, bis Ahmet in die Klasse kommt und Alexa und ihre Freunde herausfinden wollen, wie denn die Heimat so war, aus der Ahmet vor den Bomben fliehen musste. Die Gedanken der Kinder zu Ahmet und seiner Situation sind Gold wert. So unverblümt und von Herzen kommend. Ernsthaft sind sie bemüht ihm ein Stück Heimat zu schenken, was Brandon natürlich zunichte macht. So geht es neben dem Schicksal des unbegleiteten minderjährigen Flüchtlings auch um normalen englischen Schulalltag, in dem sich die Kinder begegnen, und der das Schicksal von Ahmet für Hörer ab 8 Jahren nachfühlbar macht. Denn das ist wichtig, dass man nicht nur rational, sondern auch emotional begreift, was es heißt als Kind alleine zu fliehen, bzw. mutterseelenalleine in einem fremden Land anzukommen, wo man niemanden kennt und noch nicht einmal die Sprache spricht. Das Wort: „unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“ klingt so bürokratisch und langweilig, dass Kinder wahrscheinlich noch nicht einmal nachfragen, was das denn sein soll. Doch Ahmets Schicksal ist bewegend und geht unter die Haut. Darüber muss man beim Zuhören nachdenken, ebenso wie viele weitere Details, die Alexa in ihrer kindlichen Weltanschauung so erzählt. So geht es um Oma Jo, die damals im 2. Weltkrieg vor den Nazis floh. Alexa wusste gar nicht, dass es auch einen zweiten Weltkrieg gab. Da meinte meine gerade 11-jährige Tochter, dass sie über den auch noch nie in der Schule gesprochen hätten.... Oje, in meiner Kindheit war es noch ständiges Thema, aber damals lebten ja noch ganz viele Zeitzeugen. Die heutigen Zeitzeugen berichten von Krieg und Flucht und saßen genau bei diesem Kind in der Grundschulklasse, lebten aber im Kreise ihrer Familien. Die Vorstellung ohne Eltern und Geschwister und Katze leben zu müssen, war für sie unfassbar. So geht einem Ahmets Geschichte unter die Haut, aber auch Alexas. Birte Schnöink schafft es dabei ganz wunderbar Alexas 9 ¾ jährigen Ton zu treffen, ihre Sorge, Betroffenheit, Wut, Freude, Verunsicherung, die ganze Bandbreite der Gefühle. Dabei schafft sie es mit unnachahmlicher Leichtigkeit durch die von Alexa eingenommene Perspektive unsere ganze Familie auch immer wieder zum Lachen zu bringen. Dieses Hörbuch hat uns alle (inklusive der Kinder von 11 und 13 Jahren) bewegt, berührt, nachdenklich gemacht, aber auch wirklich fröhlich lachen lassen. Wir haben die Freunde nicht ausgelacht, sondern mitgelacht. Es geht also nicht um eine düstere Geschichte, die Kinder traurig macht. Nein, es gelingt der Autorin, ebenso wie der Sprecherin, die Zuhörer mit auf ein ausgesprochen spannendes Abenteuer mitzunehmen, dass natürlich am Ende gut ausgeht. Zum Glück ist den Kindern erst hinterher bewusst, wie gefährlich ihre Mission war und dass da durchaus einiges hätte schief gehen können, hätten sie nicht das Glück gehabt, auf so viele nette, verständnisvolle Menschen zu treffen, wie den nettesten Taxifahrer neben Onkel Lenny. Leider müssen sie später durch den Kontakt mit den Medien feststellen, dass es auch andere Menschen gibt und man sich daher besser nicht zu sehr auf sein Glück verlassen sollte....

Wir sprechen auch jetzt, Tage später immer mal wieder über einige Passagen aus dem Buch, und durchleuchten einzelne Aspekte.... Ein Hörbuch das nachhallt!

Die Autorin hat übrigens selbst auch eine Flüchtlingshilfsorganisation ins Leben gerufen, um Flüchtlingsfamilien zusammenzuführen. Mein Mann, dessen Stammschule den Förderschwerpunkt sprachliche und emotionale Entwicklung ausweist, ist ganz begeistert von Birte Schnöinks sensibler Interpretation, die einem unter die Haut geht und bisweilen Gänsehaut oder einen Kloß im Hals erzeugt, um kurz darauf wieder ein Lachen ins Gesicht zu zaubern!

Vielen lieben Dank an die Hörcompany für dieses sensible und außergewöhnliche Hörbuch, dass bei uns zu intensiven Familiengesprächen führte, an die Hörcompany

Hier findet Ihr eine Hörprobe

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Montag, 20. Juli 2020

Wie man 13 wird und überlebt, Pete Johnson, Ars Edition



Wie man 13 wird und überlebt, Pete Johnson, Ars Edition

Zu seinem 13 Geburtstag bekommt Markus endlich das langersehnte Smartphone und kann nun den Blog starten, auf den er sich so lange gefreut hat und von dem er sich Ruhm und Beliebtheit versprach. Zu dumm, dass er nun geheim bleiben muss, denn genau an diesem Tag offenbaren ihm seine Eltern etwas, womit er nie gerechnet hat und woran er nie geglaubt hat. Als seine Eltern ihm große Veränderungen ankündigen, die in seinem Körper anstehen, denkt er, dass es peinlich und bekannt wird, aber nein, ihm steht die Verwandlung in einen Halbvampir bevor! Hey, er will doch nur ein ganz normaler Junge sein, der mit seinen lockeren Sprüchen andere zum Lachen bringt und Klassenkameraden beeindruckt. Diese Verwandlung kommt ihm völlig ungelegen und sicherlich lässt sie sich stoppen, das will er auf jeden Fall! In der Schule ist gerade ein neues Mädchen Tallulah in seine Klasse gekommen, die ziemlich übellaunig ist, mit ihrem Geheimbund M.I.D.S. Monster in der Schule, aber das Interesse vieler Klassenkameraden, insbesondere seines besten Kumpels Joel auf sich zieht. Das ist so streng geheim, dass dieser ihm noch nicht einmal erzählen darf, wo sie sich treffen, bis...

Als Teenager ist man ja peinliche Eltern gewöhnt, aber die von Markus schlagen dem Fass ja den Boden aus! Jahrelang wurde Markus über die Natur seiner Familie im Dunkeln gelassen und nun nach 13 Jahren lassen sie die Katze aus dem Sack! Ein harter Schlag, direkt auf der ersten Seite! Das fanden meine Töchter nicht gut, sie fanden, dass es zu viel von der Spannung wegnähme und es dadurch zu vorhersehbar würde.
Allerdings ist in dieser Geschichte der Weg das Ziel. Wie Markus versucht, die Verwandlung zu stoppen, um „normal“ zu bleiben. Die Erwartungen und Vorfreude seiner Eltern ist bisweilen so absurd und peinlich, dass es echt witzig ist. Mit einem Handbuch für Halbvampireltern wollen die Eltern alles richtig machen und greifen doch ziemlich oft daneben! Manchmal hilft das eigene Bauchgefühl besser weiter, als jeder Ratgeber! Ziemlich viele Szenen, in denen es um Markus Transformation und seine Bedürfnisse, seine Ängste, seine Mitschüler und sein Eltern geht, spiegeln wunderbar übliche Pubertätsprobleme und den Wunsch „normal“ zu sein und dazuzugehören wieder. Aber so einfach ist es nicht. Denn die Veränderungen in Markus sind so krass, dass er währenddessen aus Vorsicht zu Hause bleiben soll. Vorsicht wovor erfährt er allerdings nicht, dafür ist es nur zu seinem Besten! Die Eltern sind absolut übervorsichtig. Markus ist Einzelkind und alles konzentriert sich auf ihn. Allerdings hat er das dumme Gefühl, dass sie erstmals richtig stolz auf ihn sind, oder eben nicht. Mit seinen lockeren Sprüchen, versucht er die Situation für sich erträglich zu machen. Leider hören seine Eltern oft nicht auf seine Einwände, denn sie haben ja das allwissende Handbuch und holen sich auch noch Expertenverstärkung! Da kann Markus nur noch verzweifelt den Kopf schütteln und das Chaos und die Gefahr kommen gleichermaßen im Sturzflug auf ihn zu!

Mit Hilfe seines Blogs ist man minutengenau dabei, wenn sich bei Markus wieder etwas elementar ändert, peinlich wird oder er Erfolgserlebnisse hat. Dabei werden bekannte Pubertätserfahrungen mit allerlei bekannten und unbekannten „Fakten“ über Vampire, Halbvampire und die Gestalten der Finsternis kombiniert, allerdings jenseits der „Biss“- Romantik, sondern witzig im großmauligen Blogstil. Gregs Tagebuch trifft auf den kleinen Vampir.

Neben Tages- und Uhrzeitangaben (auf die Minute genau!) gibt es zwischendurch auch einige Kritzeleien, meistens in Feldermausgestalt, aber nicht nur!

Es liest sich wahnsinnig schnell, da die Veränderungen in Markus Leben rasant vor sich gehen und es schwer ist, da mitzuhalten. Wie schon der nächste Titel verrät (großer Kritikpunkt meiner Töchter), wird die Transformation natürlich erfolgen, aber kann Markus sich damit auch anfreunden?! Muss man wirklich normal sein? Das ist eigentlich die Hauptfrage dieser Reihe und eine ganz wichtige im Leben der Leserschaft: Bin ich normal? Will ich es sein? Warum ist das wichtig? Ist es das überhaupt? Pubertät mal anders, abgefahrener, gruseliger, spannender!
Es ist nie leicht 13 zu werden und zu sein, egal ob als Mensch, Halbvampir, Junge oder Mädchen, darüber zu lesen aber schon und vor allem sehr lustig! Ab 10 Jahren!

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Ars Edition für unser Rezensionsexemplar!

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