Freitag, 10. Juli 2020

Renate Bergmann: Ans Vorzelt kommen Geranien dran, gelesen von Carmen-Maja Antoni, Der Audio Verlag 4 Cds 4 h 54 min gekürzt



Renate Bergmann: Ans Vorzelt kommen Geranien dran, gelesen von Carmen-Maja Antoni, Der Audio Verlag 4 Cds 4 h 54 min gekürzt

Der Sommer naht und letztes Jahr war Renate Bergmann (82 Jahre alt, vierfache Eisenbahner- Witwe aus Spandau) mit ihrer Freundin Gertraut auf Kreuzfahrt. Eine wunderbare Erfahrung und so kommt sie zu dem Schluss, dass sie reisen sollte, solange sie es noch kann! Der Gerechtigkeit wegen soll es diesmal mit Ilse und Kurt losgehen. Aber wohin? Sie denken über ihre schönsten Urlaubserlebnisse nach und da war doch mal dieser schöne kleine Zeltplatz im Grünen.... Den gibt es aber nicht mehr und um auf der Erde im Zelt zu schlafen, sind sie nun wirklich zu alt. Aber so ein gemütlicher Campingbus, das könnte ihnen gefallen! Zu ihrer Überraschung finden auch der Neffe ihres verstorbenen Mannes Stefan und seine patente Frau Ariane den Vorschlag gut, unter der Voraussetzung, dass Stefan den Wagen auf den Platz fährt und nicht Kurt. Vor Ort finden sie gleich ein schönes Plätzchen für sich und stellen fest, dass Camper nicht gleich Camper ist. Es gibt Dauercamper, Wintercamper und Gelegenheitscamper und bei all denen stellt eine Renate Bergmann sich erst mal vor, man will ja wissen, mit wem man es zu tun hat!

Die drei rüstigen Rentner haben uns die Fahrt in den Urlaub verkürzt! Natürlich sind auch wieder einige ihrer Anekdoten in unseren Sprachgebrauch übergegangen. So cremen sich meine Töchter jetzt immer Ilse-mäßig ein, ehe sie an den Strand gehen, oder halten im Supermarkt nach rosa Toilettenpapier Ausschau, wie Kurt es gehortet hat.
So ein Campingplatz ist ja eine Welt für sich, mit ganz eigenen Regeln und bisweilen sehr eigenwilligen Charakteren, die eine Renate Bergmann natürlich schnell und mit der nötigen Portion Humor durchschaut! Diese kleinen, aber oft ausgesprochen zutreffenden Beobachtungen sind das Salz in der Suppe dieser Reihe. Dieses mal gibt es keine ausgesprochenen Haushaltstipps, nur kleine Ratschläge für die gelungene Campingküche, es konzentriert sich mehr um das Sozialleben im Urlaub. Natürlich bleiben Renate Bergmann und Ilse nicht unerkannt und treffen wieder einen Menschen aus der fast vergessenen Vergangenheit. Klar, er kam Ilse doch gleich so bekannt vor! Nicht nur dass, sie bekommen auch Besuch! So gibt es ein Wiedersehen auf dem Campingplatz, dass für die Kenner der Reihe ein vergnügliches Wiederhören mit der Familie ist! Dabei kann man feststellen, dass auf einen Campingplatz eigentlich jeder passt, jeder findet ihr sein Plätzchen und seine Nische und kann zeigen was er kann. Diesmal lernt man nichts Neues über die verblichenen Gatten der rüstigen Renate, dafür darf Tochter Kirsten endlich mal zeigen, dass sie durchaus auch Qualitäten hat! Fröhlich-humorige Familienunterhaltung, die bei uns inzwischen zu Familienreisen dazu gehört, ebenso wie bedeutende Renate-Bergmann-Zitate oder Rezepte. Renate Bergmann ist einfach Kult.

Carmen-Maja Antoni ist einfach die ideale Besetzung für Renate Bergmann. Sollte es mal eine Verfilmung der Reihe geben, wäre sie die perfekte Schauspielerin, auch wenn sie jünger als 82 Jahre alt ist. (Sie dürfte einem größeren Publikum gemeinsam mit Horst Krause, Polizeihauptmeister Krause, bekannt sein). Schön schnodderisch und mit Herz plaudert die Ost-Berlinerin aus dem fiktiven Nähkästchen, setzt dabei gekonnt die Pointen und spart nicht an verbalem Augenzwinkern. Sie trifft einfach genau den Ton, ohne zu übertreiben, als würde man ihr bei einem Gedeck Kaffee und Kuchen und einem Korn zur Verdauung, zuhören.

Urlaubsstimmung für die Ohren, ohne dass man einen Campingplatz mit Gemeinschaftsduschen betreten muss.

Wir bedanken und ganz herzlich bei Der Audio Verlag für unser Hörexemplar. Ganz besonders meine älteste Tochter, die ganz beglückt war, dass das Hörbuch pünktlich zu ihrem Geburtstag ankam und sie es daher schon sofort, noch vor dem Urlaub hören durfte!

Hier findet Ihr eine Hörprobe:

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Donnerstag, 9. Juli 2020

Das Crime Zertifikat – Verbrechen mit Qualität, Oliver Schlick, Ueberreuter



Das Crime Zertifikat – Verbrechen mit Qualität, Oliver Schlick, Ueberreuter

Pius Nordberg ist ein ganz entspannter 2-Meter-Mann, mit Vorliebe für Zitronenschaumcreme und Lana DelRay. Bis zu einem tragischen Unglück war er ein richtig guter Sozialarbeiter, aber danach ist sein Leben zusammengebrochen und Papa Ambros hat ihn vor dem Schlimmsten bewahrt. Er hat ihn in seiner Organisation als Schuldeneintreiber eingestellt. Nun gelingt es ihm meistens nur aufgrund seiner imposanten Erscheinung die Schuldner zum Zahlen zu bewegen. Er ist fast unerschütterlich, es sei denn seine Mutter Tabea ruft an, oder er findet seinen herzensguten Arbeitgeber unter bizarren Umständen tot in dessen Wohnung. Das bringt ihn ins Grübeln, doch die folgende Umstrukturierung durch Torben Bennecke, den Sohn von Papa Ambros, lässt ihm nicht viel Zeit den ungeklärten Umständen nachzugehen und die Polizei ist auch seltsam passiv. Der Betrieb soll in die Zukunft geführt werden, dank Qualitätsmanagement! Doch auch all der Papierkram kann ihm seine fast schon masochistische Faszination für Torbens rechte Hand Lena nicht nehmen und den gewaltsamen Tod der simplen Autodiebe, den Trolle Brüdern, akzeptabler machen.

Willkommen im Reich der Kleinkriminellen und der Arbeitsoptimierung! Papa Ambros war stets darauf bedacht nur ethisch vertretbare Delikte zur Unterhaltsfinanzierung zu nutzen, keine harten Drogen, kein Mord, keine Zwangsprostitution oder Menschenhandel. So blieb er denn auch meistens unter dem Radar der Polizei, die die großen Fische fangen will. Für die Sorgen und Nöte seiner Mitarbeiter hatte er stets ein offenes Ohr.
Doch so, mit dezidierten Auftragsbeschreibungen und Kundenfeedback, macht es keinen Spaß mehr und Pius durchschaut die Sache schnell und blickt in das Auge des Irrsinns! In seiner ruhigen relaxten Art beobachtet er die auf die Spitze getriebenen Auswüchse der Zertifizierung und stellt genau die richtigen Fragen. Die Antworten auf diese gibt ihm das Leben, nicht die Unternehmensführung. Das ist herrlich absurd und ein wunderbar neuer Gedanke für einen Krimi, der an Absurdität allerdings fast noch von Mutter Tabea einer emeritierten Professorin für Soziologie und Bestsellerautorin Populärwissenschaftlicher Werke übertroffen wird. In den unpassendsten Momenten klingelt Pius Handy und die Leiterin von Tabeas Edelresidenz ruft Pius in seiner Verzweiflung an, weil sie mit der  ebenso aktiven wie provozierenden Alt-68erin nicht klar kommt. Bei so einer Mutter wirkt selbst der hünenhafte Geldeintreiber etwas verspießert. Das macht einfach richtig Spaß zu lesen, ebenso wie die übrigen überspitz-liebenswerten Charaktere innerhalb der Organisationen. Kleine feine Details wie Klingeltöne oder Namensgebungen zaubern dabei immer wieder ein Lächeln ins Gesicht.

Man kann sich richtig gut vorstellen, wie Sozialarbeiter Oliver Schlick beruflich durch Zertifizierungsprozesse an den Rande des Wahnsinns getrieben wurde und diese Eindrücke zu therapeutischen Zwecken in diesem Krimi zur Erheiterung der Leser verarbeitet hat. Auch seine Einblicke in gesellschaftliche Milieus, die nicht jedem bürgerlichen Leser so vertraut sind, zeugen von einem liebevoll, toleranten Umgang, der Humor bisweilen unerlässlich macht. Dabei bleibt ihre Würde, in all ihren absurden Facetten aber stets gewahrt. Die Kriminalität wird nie gut geheißen, aber je nach Ausprägung toleriert. Das finde ich besonders am Ende des Buches sehr beachtlich und es wird deutlich klar gestellt, dass Straftaten Straftaten sind und Konsequenzen haben. Es wird aber auch vor Augen geführt, dass Kleinkriminelle meistens keine Hoffnung auf einen beschaulichen Lebensabend haben, sondern sich eigentlich nie zur Ruhe setzen können, auch wenn Augen und Gliedmaßen eigentlich genau das fordern.

Während der Fall lange vor allem humorig locker, scheinbar ohne klare Hinweise und Spuren zu versickern scheint, sich dem Joch des Qualitätsmanagements beugt, nimmt er plötzlich an Fahrt auf und verdichtet sich und wird richtig spannend. Man hat zwar keine Ahnung wohin es geht, verdächtigt fast jeden, außer Tabea,  aber man folgt ihm gerne. Denn so ungewöhnlich wie die Schreibweise, das Thema und das Setting dieses Krimi sind, so außergewöhnlich ist auch seine Aufklärung. Es ist ein Fall, bei dem man nicht schon zur Mitte hin ahnt, wer hinter den ganzen Toten steckt. Ja, es werden im Laufe von Pius Untersuchungen immer mehr Opfer. Dadurch verdichtet sich das Motiv, aber ohne Klarheit zu schaffen.

Ein humorig, rabenschwarzer Einblick in ein wenig beachtetes Milieu, mit unerwarteter Auflösung und einem Ende, das mich rundum zufrieden stellt. Der Autor kennt sich aus, ohne je seinen Respekt für die Rechtsordnung verloren zu haben. Sehr gelungen. Ein absolut vergnüglich, rabenschwarzer Krimi, der wirklich ungewöhnlich ist! Rundum empfehlenswert.

Ich bedanke mich ganz herzlich beim Ueberreuter Sachbuch Verlag für diese Krimiperle!

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